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E D I T I O N   M U S I K   S Ü D O S T

EIN TIROLER AUS CILLI IM BANAT

Zur Biographie des Orgelbauers Alois Hörbiger (1810-1876)

von Dr. Franz Metz

 

Alois Hörbiger kam am 17. Februar 1810 in Thierbach (Tirol) zur Welt. In Constantin von Wurzbachs Biographischem Lexikon heißt es: „Der Sohn eines Bauers, der noch in seinem zwanzigstem Jahre die Kühe auf die Alm trieb, Butter und Käse machte und nie einen Unterricht genossen hatte. In der Mechanik wie im Gebiete der Musik ist er ein Naturalist. Als solcher wagte er sich für die Churatkirche seines Geburtsortes, bloß auf sein Talent vertrauend, den Bau einer Orgel mit 6 Registern zu unternehmen, was ihm auch trefflich gelang. Von diesem günstigen Erfolge ermuntert, strebte er nach größerer Vervollkommnung, bildete sich selbst im Baufach, im Zeichnen, und Johann Franz Röck gab aus Teilnahme für den wissbegierigen talentvollen Naturalisten demselben einige Anleitung in den verschiedenen Kunstzweigen. So ausgerüstet, ging er ans Werk, verfertigte sich selbst alle zu seiner Arbeit nötigen Werkzeuge und die sonstigen Tischler-, Schlosser-, Bildhauer- und Schmiedearbeiten. Auch unternahm er mehrere Reisen nach Italien, um dort die großartigen Orgelwerke nach ihrem Baue zu studieren und so aus sich selbst zum Architekten, Zeichner, Mathematiker und Mechaniker gebildet, ging er ans Werk. Er baute nun für Tirol und Steiermark und andere Provinzen Orgeln, meistens für 15 oder 16 Stimmen, welche allgemein gelobt wurden.“ Hörbiger hatte sich auch in Cilli niedergelassen und seine Werke im Umkreis aufgestellt. Schließlich richtete er mit seinem Bruder Bartholomäus in Atzgersdorf bei Wien eine Orgelbauerwerkstatt ein und konnte Aufträge in der näheren und weiteren Umgebung übernehmen.

 

Wann und wo Alois Hörbiger zum ersten Male ins damalige österreich-ungarische Banat kam, ist nicht bekannt. Fest steht jedoch, dass er 1867 in Großbetschkerek [Zrenjianin, heute Serbien] war. Die fachliche Beurteilung seiner Orgeln fiel stets positiv aus. Sein Wirken wurde in Musik- und Kirchenzeitungen, in Lexikas und sonstiger Fachliteratur oft festgehalten. Als „Ein musikalisches und mechanisches Genie in Wien“ wurde er 1855 in der Theater-Zeitung apostrophiert und als ein „Tiroler aus Cilli“ bezeichnet.

 

Im Setschaner Rundbrief (Nr. 3, 1994, S. 38ff) vom März 1994 finden wir, bearbeitet von Alfred Reidinger, folgende interessante Festhaltung aus der Pfarrchronik Setschan von 1806 bis 1944:

 

„3. September 1867. Orgel repariert und neu gestimmt. Es ist hier in Setschan unbekannt, wann die Orgel zum letzten Mal gestimmt wurde. Sie funktioniert zwar noch, aber die Töne waren unklar. Schon voriges Jahr im August war hier ein gewisser Johann Trogle, der sich als Orgelbaumeister vorstellte. Er verstand aber wenig davon und nachdem er hier sehr schwer erkrankte, wurde er nach Betschkerek überführt, wo er bald darauf starb. Nach seinem Tode habe ich erfahren, dass zur Zeit in Betschkerek ein tüchtiger Meister ist. Er heißt Aloys Hörbiger und ich habe ihn gebeten, nach Setschan zu kommen. Er war als Spezialist sehr bekannt und hatte im weiten Umkreis bis nach Italien 83 Orgeln gebaut und führte auch Reparaturen durch. Die Setschaner Gemeinde, oder besser gesagt, der Richter Nikolaus Klopp und seine Beiräte Johann Scheinen und Johann Koch, stimmten meinem Vorschlag zu, und wir haben mit dem Tyroler Aloys Hörbiger eine Vereinbarung getroffen. Herr Hörbiger hat zwei Söhne: Wilhelm 27 Jahre alt, und Godefried, 26 Jahre alt. Die beiden haben in letzter Zeit die Orgel in Johannisfeld repariert. Sie kamen am 28. Juli nach Setschan und haben die Orgel von Grund auf überholt. Alle 14 Register und die Pedale wurden gründlich geprüft und eingestellt. Die offizielle Abnahme der Reparaturarbeiten fand am 3. September statt. Dazu waren auch die Kantoren Schürfer und Prunkl aus Ernsthausen anwesend. Der Kantor aus Sartscha war nicht hier, der Pfarrer Magnus Harg verbot ihm zu kommen. Die Orgel wurde in Ordnung befunden und die Konsonanz gilt als ausgezeichnet. Über die Fachleute kann ich aussagen: Die Herren Wilhelm und Godefried Hörbiger sind gut erzogen und in der Orgelbautechnik sehr gut eingeführt. So gewissenhaft sie mit der Arbeit begonnen haben, so haben sie sich während der ganzen Arbeitszeit benommen. Es sind schöne, anständige und in moralischer Hinsicht gut aufgewachsene junge Leute, sehr gute Sänger und ausgezeichnete Orgelspieler. Ihre Arbeit ist eine schöne Leistung und ein besonderes Geschenk Gottes. Möge der gute Gott sie segnen. Amen. Nach der Übernahme haben wir für die Orgel 250 Fl und für den Unterhalt der Meister 50 Fl bezahlt. Am 4. September ließ ich auf Wunsch die beiden mit meinem Wagen nach Ofszenica [rumänisch: Ofsenita, deutsch: Hopsenitz] bringen, sie haben noch mehrere Aufträge und ich kann nur wünschen, dass Sie überall den besten Erfolg haben.“

 

Der Ort Setschan (serbisch Secanj) befindet sich im serbischen Banat (heute Wojwodina, Serbien) an der Temesch. Das Banat gehörte bis 1919 zu Österreich-Ungarn, hier gab es viele schwäbische Gemeinden. 1919 wurde das Banat durch den Frieden von Trianon in drei Teile geteilt, der östliche größte Teil kam zu Rumänien, ein kleinerer Teil kam zum neu gegründeten Jugoslavien und ein kleines Stück (Makó) blieb bei Ungarn. Die deutsche Bevölkerung des serbischen Banats wurde 1945 vertrieben. 1964 wurde die im Jahre 1829 erbaute große katholische Kirche abgerissen, an ihrer Stelle steht heute eine Tankstelle. Die Orgel stammte aus dem Jahre 1840.

 

Als im Jahre 1870 die römisch-katholische Pfarrkirche in Werschetz eine Orgel benötigte, kam Alois Hörbiger, wie es jedenfalls bei ihm üblich war, mit seiner kompletten Familie in die Stadt: mit seiner Frau Viktoria (die 1872 hier verstarb), den Söhnen Wilhelm und Fritz (das dürfte der zuvor erwähnte Godefried bzw. Gottfried gewesen sein) mit deren Familien, die gleichfalls Orgelbauer waren, und den Töchtern Amalia und Anna. Letztere war eine verheiratete Dehm. Ihr Sohn, Karl Dehm, hatte vom Großvater Alois Hörbiger gleichfalls das Handwerk eines Orgelbauers erlernt. Er begab sich später nach Philadelphia, wo er seinen Beruf weiter ausgeübt hat. Durch Annas Tochter Amalia, verheiratete Oswald, entstand eine Werschetzer „Hörbiger-Linie“.

 

Werschetz [serbisch Vrsac] liegt im südlichen serbischen Banat, umgeben von zahlreichen Hügeln auf denen heute noch Reben angebaut werden. Im Jahre 1860 wurde die Gerhardskirche in Werschetz erbaut, ein großer Teil der Einrichtung kam aus Wien. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die alte Orgel mit einem Instrument aus der Werkstatt des Orgelbauers Carl Leopold Wegenstein aus Temeswar [Timisoara, heute Rumänien] ersetzt. Wegenstein stammte aus Wien. Auch heute noch (2009) strahlt diese Kirche noch viel vom ehemaligen kulturellen Reichtum diese Stadt aus. In Werschetz gibt es auch alte Kirchen für die rumänisch-rthodoxen, serbisch-orthodoxen und evangelischen Gläubigen.

 

Die Werkstätte Alois Hörbigers befand sich in der Weißkirchner Straße, am Rande der Stadt. Nach Beendigung der Arbeiten wurde die Orgel 1871 in der Werschetzer St. Gerhardskirche installiert. Seine letzte Orgel baute Hörbiger in Semlin. Dort starb er am 7. Mai 1876. Vom Meister selbst wissen wir also, dass er zumindest in Betschkerek [Zrenjianin], Werschetz [Vrsac] und Semlin sein Domizil hatte. Wo seine beiden Söhne außer in Johannisfeid, Setschan, Hopsenitz, Werschetz und sicherlich auch in Semlin tätig waren, ist nicht bekannt. Semlin [serbisch Zemun], heute ein Stadtteil von Belgrad, gelegen am Ufer der Donau. Am gegenüberliegenden Ufer der Donau beginnt das Banat.

 

Alois Hörbigers Tochter Amalia hatte einen unehelichen Sohn, Hanns, der am 29. November 1860 in Atzgersdorf bei Wien geboren wurde. Und der war der Vater der Schauspielerbrüder Paul und Attila Hörbiger. Hanns hatte in Werschetz beim Schmiedemeister Seiberth dieses Handwerk gelernt. Als Autodidakt brachte er sich das Zitherspielen bei. Danach begab er sich zu Fuß nach Wien, wobei er zwangsläufig durch donauschwäbische Ortschaften gekommen ist. Mit einem bereits vorbereiteten Plakat machte er dabei auf seine Zither-Concerte aufmerksam, welche er abends bei kostenlosem Eintritt in den Wirtshäusern gab – jedoch gewiss mit freiwilligen Spenden rechnend, zumal er ja nach Wien zum Studium strebte. Er besuchte eine Maschinenbauschule, arbeitete danach als Zeichner in einer Konstruktionsfirma, in einer Maschinen- und Textilfabrik sowie ab 1891 bei einer Maschinenfabrik in Budapest. „1895 wurde das von ihm entwickelte massearme, reibungsfrei geführte Plattenventil für Gebläse, Pumpen und Kompressoren patentiert“, heißt es bei Wurzbach. Zur Auswertung seiner Erfindung gründete Hanns Hörbiger mit einem Mitarbeiter in Budapest ein Konstruktionsbüro. 1903 wurde dieses nach Wien verlegt. Sein Sohn, Alfred Hörbiger, gründete 1931 in Wien eine eigene Fabrik, wobei die so genannten „Hörbiger-Ventile“ in der Fachwelt heute noch ein Begriff sind. Hanns Hörbiger hatte sich außerdem durch seine „Welteislehre“ einen Namen gemacht, welche aber von der Wissenschaft kaum anerkannt wurde. Bei Wurzbach heißt es dazu: „In ihr übertrug Hörbiger die auf dem Gebiet der Wärmetechnologie des Wassers in allen Zustandsformen – Eis, Flüssigkeit, Dampf – gewonnenen Erfahrungen auf den Kosmos und suchte unter anderem die geologischen Epochen der Erde, die Sonnenflecken (Eintauchen von Eiskörpern aus dem Weltall in die Sonne) und die Witterungserscheinungen zu erklären. Die Milchstraße nahm er als eine Ansammlung von Eiskörpern, den Mond und andre Himmelskörper als vereist an.

 

Von den vier Söhnen Hanns Hörbigers traten zwei in die musischen Fußtapfen des Großvaters Alois: Paul Hörbiger, der am 29. April 1894 in Budapest zur Welt kam und die ersten drei Volksschulklassen dort besuchte, und Attila Hörbiger, der am 21. April 1896 gleichfalls in Budapest geboren wurde und eine Volksschulklasse besuchte. 1903 verlegte die Familie ihren Wohnsitz nach Wien. Die Brüder Paul und Attila sollen – einer überlieferten Erinnerung eines Bekannten nach – in Werschetz zwei Klassen des Gymnasiums besucht haben. Ausgeschlossen wäre das nicht, denn, wie schon ausgeführt, eine familiäre Hörbiger-Linie blieb dort.

 

Nach der Flucht und Vertreibung der Deutschen (1945) hatte beispielsweise die in Werschetz bekannt gewesene Weißnäherin, Malwine Krenn, bei Attila Hörbiger Aufnahme gefunden und seiner Familie den Haushalt geführt. Das hatte Paul Hörbiger dem ehemaligen Münchner Musikforscher Robert Rohr bei einem zufälligen Zusammentreffen in Wien erzählt. Die Brüder Paul und Attila hatten zwar nicht den Beruf ihres Urgroßvaters ergriffen, sie wurden jedoch wohl die Bekanntesten dieser Orgelbauerfamilie Hörbiger.

 

Nach:

Robert Rohr: Die Orgelbauerfamilie Hörbiger, in: Unser musikalisches Erbe, München 2008

 

Copyright © Dr. Franz Metz, München 2008

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