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Das Erwachen einer Legende

Zum 60. Geburtstag von Richard Waldemar Oschanitzky (1939-1979)

von Dr. Franz Metz

Autoportrait

Vor einigen Wochen fand im entfernten Jassy, der Kulturmetropole der rumänischen Moldau, ein Festival statt, das einem der bedeutendsten Jazzpianisten und Komponisten Südosteuropas gewidmet war. Alex Vasiliu, ein begnadeter rumänischer Journalist, der Initiator dieser Veranstaltung, erzählte mir von seinen Begegnungen mit dem viel zu früh verstorbenen Musiker, dessen Leben und Werk für ihn zur Leidenschaft wurden. Der Pianist und Hochschulprofessor Ioan Welt hielt vor dem Oschanitzky-Konzert eine Ansprache und würdigte das musikalische Schaffen dieses Banater Komponisten. Selbst das neu eingerichtete Deutsche Kulturzentrum dieser Stadt - eine Begegnungsstätte für rumänische und deutsche Kultur - will sich dem Thema „Oschanitzky“ widmen. Die Gründung einer Oschanitzky-Stiftung steht bevor. Zwanzig Jahre nach dessen Tod wird nun in Rumänien ein deutscher Musiker dieses Landes wiederentdeckt, und dies, in einer Region, die mit der Biographie des verstorbenen Komponisten nichts Gemeinsames aufweisen kann. Oder doch?

 

Richard Waldemar Oschanitzky wurde am 25. Februar 1939 in Temeswar geboren. Sein Vater Richard Karl Oschanitzky (1901-1971) stammte aus Siebenbürgen, war dort als Dirigent und Pädagoge tätig und schrieb 1938 die Operette Mädel aus dem Kokeltal. Ab 1939 wirkte er als Dirigent des Deutschen Symphonieorchesters in Temeswar. Dessen Sohn Richard Waldemar besuchte hier das Lyzeum und beschäftigte sich schon als Kind mit Musik, wobei sein Vater der erster Lehrer war. Schon mit vierzehn Jahren komponierte Richard Waldemar ein Gloria, das von Franz Stürmer dirigiert, am 25. Dezember 1954 im Temeswarer Dom aufgeführt wurde. Der junge Komponist schrieb damals über diese Aufführung: „Die Aufführung ließ sehr viel zu wünschen übrig. Es waren weder Chor noch Orchester den Anforderungen gewachsen. Die Fugato-Stelle wurde ein heilloses Durcheinander. Schuld daran war die Tatsache, daß nur eine einzige Orchesterprobe stattfand. Trotzdem hatte es Erfolg. Von allen Seiten Gratulation.“ Das gleiche geistliche Werk präsentierte er zur Aufnahmeprüfung für das Bukarester Konservatorium, das er dem damaligen Mentor der rumänischen Komponistenschule und seinem späteren Lehrer Mihail Jora vorgelegt hat. Dieser war von dem Werk angenehm überrascht und nahm ihn in seine Klasse auf.

 

Bereits als Student wurde Oschanitzky von seinen Kollegen und Professoren bestaunt: er improvisierte in allen Stilrichtungen, ob Doppelfuge, Brahms, Debussy oder Jazz und konnte selbst eine auf den Kopf gestellte Partitur auf den ersten Blick am Klavier spielen. 1957 wurde ihm der erste Preis des Konservatoriums für ein vokal-symphonisches Werk verliehen und 1959 verdiente er sich das Enescu-Stipendium mit dem Liederzyklus Lied von der Liebe. Es war dies die letzte Auszeichnung überhaupt, die letzte Anerkennung des rumänischen Staates, gegenüber diesem jungen strebsamen Komponisten. Im selben Jahr wurde er aus der Bukarester Musikhochschule ausgeschlossen und wurde als ein „reaktionäres Element“ der Gesellschaft bezeichnet, weil er Jazz gespielt hat.

 

In den fünfziger Jahren war Jazz in Rumänien als ein Kunstprodukt der kapitalistischen Gesellschaft angesehen und deshalb in der Öffentlichkeit verboten. Oschanitzky konnte nur im Rahmen von Tanzunterhaltungen oder in Restaurants Jazz spielen, da man dafür keine spezielle Genehmigung brauchte. So wurde er 1959 von der Ägyptischen Botschaft in Bukarest eingeladen, ein Jazzkonzert zu geben. Was danach folgte, waren Repressalien aller Art: er wurde von den kommunistischen Kadern und Parteiaktivisten als ein „Feind des Volkes“ dargestellt, der unter den Studenten nichts mehr zu suchen hätte. In aller Öffentlichkeit fand sodann eine Sitzung (Schauprozess) statt, in der man den damals zwanzigjährigen Studenten aus Musikhochschule ausgeschlossen hat. Damit begann für Oschanitzky ein Kampf um seine Existenz, er musste seinen Lebensunterhalt mit Klavierspiel in noblen Hotels und Restaurants der rumänischen Hauptstadt verdienen. Wegen seiner einwandfreien pianistischen Technik aber, dem unendlichen Reservoire seiner Phantesie wie auch durch die geschickten Orchestrationen seiner Stücke, die gewöhnlich einem kleinen Ensemble gewidmet waren (Klavier, Sax, Klarinette, Bass, Schlagzeug), gewann er die Aufmerksamkeit der damaligen einzigen rumänischen Schallplattenfirma „Electrecord“. Ab 1961 begann er für das Ensemble dieser Institution zu arbeiten. Die bekanntesten Schlager der damaligen Zeit, die das rumänische Fernsehen oder der Rundfunk brachten, waren von Oschanitzky orchestriert oder bearbeitet. Er schrieb mit einer solchen Leichtigkeit, daß er bald zu den bedeutendsten und erfolgreichsten Komponisten der rumänischen Leichtmusik zählte.

 

Durch seinen hohen Bekanntheitsgrad und sein einzigartiges Talent war Richard Waldemar Oschanitzky in den sechziger Jahren einer der bestbezahltesten Musiker in der Musikszene des damals sozialistischen Landes. Ob als Pianist, mit seiner Formation oder mit großen „Estradenmusik-Ensembles“ - der Terminus „Estradenmusik“ wurde von Moskau für die Jazzmusik verordnet - Oschanitzky war ständig unterwegs, von einer Bühne zur anderen, ob für Produktionen des Fernsehens, Rundfunks oder für größere internationale Festivals (Mamaia, Kronstadt, Berlin u.s.w.). Fünf Jahre nachdem er wegen Jazz die Musikhochschule verlassen mußte, begann man in Rumänien auch im Rundfunk und Fernsehen diese Musikart zu pflegen. Oschanitzky wurde am 8. Dezember 1964 vom damaligen Musikkritiker George Balan eingeladen, ein öffentliches Improvisationskonzert zu geben. Zu dritt - Klavier, Sax und Schlagzeug - wurde eine Stunde lang nach Bach-Themen improvisiert. Es war das erste Mal, daß man so etwas dem einheimischen Publikum bieten konnte. Mit einem Schlag stieg Oschanitzkys Bekanntheitsgrad noch höher.

 

Das (Ost-)Berliner Fernsehen gab 1969 Oschanitzky eine Komposition in Auftrag, die bereits kurze Zeit danach eingespielt werden konnte: das Doppelkonzert für Klavier, Saxophon, symphonisches Orchester und Bigband. Es wurde zu einem Meisterwerk dieser Gattung. Dem Komponisten gelang es, zum ersten Mal zwei stylistisch ganz verschiedene Instrumentalensembles zu einem neuen Klangkörper zu verschmelzen. Es war ein Wettkampf mit Gershwin, Stravinsky, Ravel, Friedrich Gulda und Paul Horn. Das 28-minütige Konzert wurde selbst in der damaligen DDR zu einem großen Erfolg. Seit 1970 wurde dieses Konzert nie wieder gespielt. Manche Kritiker behaupten, die Klavierstimme sei so fürchterlich schwer zu spielen, daß sich bisher kein einziger Pianist dieser Musik angenommen hat.

 

Parallel dazu stieg Oschanitzky in die Welt der Filmmusik ein: allein für 24 Filme schrieb er die Musik, einige davon wurden bei internationalen Festivals premiert. Er arbeitete sowohl in Ostberlin wie auch in Bukarest, in manchen Wochen pendelte er nicht nur einmal in der Woche zwischen diesen beiden Hauptstädten mit dem Flugzeug hin und her. Trotz der riesig erscheinenden Quantität weisen seine Kompositionen eine hohe künstlerische Qualität auf. Nichts was Oschanitzky schrieb wurde verworfen, alle seine Werke wurden sowohl von der Fachwelt wie von dem einfachen Zuhörer hoch geachtet und geschätzt. So jedenfalls glaubte man dies bis zu seinem Tode am 5. April 1979...

 

Peter Oschanitzky, vormals Dirigent in Temeswar heute in Osjek (Kroatien), entdeckte nach dem Tod seines Bruders einen Schrank voller Kompositionen, welche die Welt bisher noch nie zu Gehör bekam: Kammermusik, symphonische Werke, geistliche Musik, Chöre, Messen, Klaviermusik, Lieder. Es sind alles Werke von Richard Waldemar Oschanitzky, komponiert zwischen zwei Auftritten oder auf dem Weg von Sinaia nach Predeal oder von Bukarest nach Berlin. Daraus ist unzweifelhaft bewiesen, dass Oschanitzky auch ein guter Kenner zeitgenössischer Musik war, der es verstand, den Jazz mit der traditionellen klassischen Musik vorteilhaft zu verbinden. Wenn von seinen hunderten von Leichtmusikwerken die meisten vom Rundfunk übertragen oder eingespielt wurden, so kann man dies von seinen im Nachlass entdeckten Opuse nicht behaupten. Davon wurde bisher kein einziges Werk eingespielt oder gar veröffentlicht.

 

Peter Oschanitzky dirigierte nach dem Tod seines Bruders in Temeswar dessen „Lustspiel-Ouvertüre“, die auch in Berlin erfolgreich aufgeführt wurde. Die „Kessler-Lieder“ widmete Oschanitzky der Mezzosopranistin Martha Kessler, der Text stammt von Klaus Kessler. Zu seinem Nachlass gehören auch drei Sonaten für Klavier, eine Sonate für Oboe und Klavier, das Konzert für Klavier, sechs Bläser und Schlagzeug. Für das Klavier schrieb Oschanitzky außerdem: „Sentimentale und charakteristische Präludien“ (1954-56), Variationen über ein eigenes Thema im rumänischen Stil (1955, 1975), Zwölf Variationen über einen eigenen Choral (op. 3b, 1957-58), „Kaleidoskop. Variationen und Passacaglia über ein eigenes Thema“ (1959), „Drei Präludien in E“ und ein Scherzo. Zu seinen Chorwerken zählen einige Messen, darunter die Missa brevis für Chor, Solisten und Orchester, welche zusammen mit dem „Ave Maria“ (1953) im Jahre 1989 in Augsburg und 1993 in Temeswar aufgeführt wurde. Für die „Sieben Gesänge um Wort, Licht und Heil“ (1974-76) schrieb Oschanitzky selbst den Text. Auch den Text seiner chorischen „Spielmannslieder“ hat er selbst verfasst. Einige dieser Gesänge hat der Temeswarer Schubert-Chor 1984 aus der Taufe gehoben. Das „Kaleidoskop“ wurde 1984 vom Verfasser dieser Zeilen in der Bearbeitung für Orgel in der Temeswarer Milleniumskirche aufgeführt.

 

Verinnerlichung, Klangfülle, mal sphärenhaft, mal technisch virtuos, romantisch oder jazzig, und immer mit einem genialen Sinn für Klangeffekte - dies wären die bedeutendsten Merkmale seiner Musik. Ein Meister, der die Doppelfuge Bachs genau so gut beherrschte, wie die Musik von Count Basie oder Gershwin. Und noch etwas: seine Mutter sagte mir einmal: „Richard war ein tief gläubiger Mensch“, und das widerspiegeln vor allem seine geistlichen Werke.

 

Als Richard Waldemar Oschanitzky 1979 mit nur 40 Jahren starb, war er bereits ein Legende. Alex Vasiliu aus Jassy schrieb, seine Musik sei für das einundzwanzigste Jahrhundert komponiert. Tatsache ist, daß bis heute das Gesamtwerk dieses einzigartigen Komponisten bis heute noch nicht bekannt ist. Seine Aufnahmen und Konzertmitschnitten schlummern in rumänischen und deutschen Tonarchiven zwischen Bukarest und Berlin, seine Handschriften irgendwo in privaten oder staatlichen Sammlungen. Und von Jassy aus, wird die Legende Oschanitzky wiedererweckt.

 

Bilddokumentation

 

Autoportrait

Oschanitzky in Warschau vor dem Denkmal Chopins

Portrait von R. Oschantitzky, gemalt einer Verehrerin

Von der Krankheit gezeichnet

Richard Oschanitzky als kleiner Junge mit seinem Vater

 

 

 

Copyright © Dr. Franz Metz, München 2007

 

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